ADHS – die Zappel-Phillip-Krankheit und ihre Folgen

Zappel-Phillip KindAls der Frankfurter Arzt Heinrich Hoffmann 1844 sein Buch „Der Struwwelpeter“ schrieb, entstand mehr als einfach nur eine Geschichtenbuch, vielmehr wirkt es rückblickend wie eine Sammlung verschiedener Störung von Verhalten und Psyche, die Kinder treffen können. Darunter befindet sich auch die heute verbreitetste und bekannteste psychische Störung bei Kindern: Die Zappel-Phillip-Krankheit ADHS. Dabei ist ADHS nicht nur eine der häufigsten psychischen Erkrankungen bei Kindern, sondern auch das Krankheitsbild, über das es in der Gesellschaft die wohl kontroversesten Diskussionen gibt.

Was ist ADHS?

ADHS, das Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitäts-Syndrom, auch als Hyperkinetische Störung (HKS) bekannt, ist eine weitverbreitete psychische Störung, die schon im frühen Kindheitsalter in Erscheinung tritt. Sie wird vor allem durch die fehlende Fähigkeit, sich auf eine Sache zu konzentrieren und das enorm gesteigerte Aktivitätsniveau der Betroffenen gekennzeichnet. Kinder mit ADHS sind seelisch und körperlich stark erregbar und reagieren in allen Bereichen, egal ob körperlich oder verbal oder affektiv, sehr impulsiv. Als Folge treten häufig Probleme im Sozialverhalten auf, auch Lernschwierigkeiten und Versagen in der Schule sind ohne Behandlung die Regel.

Die Symptomatik hat ihre Ursache vermutlich in einem gestörten Hirnstoffwechsel: Durch einen Botenstoffmangel ist das Gehirn unterdurchschnittlich erregbar und deshalb ständig auf der Suche nach Möglichkeiten, sich zu stimulieren und anzuregen. So werden auch kleine Reize, die normalerweise kaum Beachtung fänden, zu einem Auslöser für übertrieben starke Reaktionen.

Auch wenn eine gewisse genetische Disposition augenfällig ist, kann ADHS grundsätzlich jeden treffen. Behauptungen, dass das Krankheitsbild durch Erziehungsfehler oder familiäre Probleme entsteht, können heute zum Glück mit hoher Sicherheit zurückgewiesen werden. Deutschlandweit sind 4-6% der Kinder betroffen, Jungen deutlich häufiger als Mädchen. Allerdings schwanken die Werte von Land zu Land stark, in manchen Ländern werden bis zu 20% gemessen, in anderen kaum 2% – die Gründe liegen hier vermutlich aber nicht in einer tatsächlich abweichenden Anzahl der Erkrankungsfälle, sondern vielmehr in den unterschiedlichen Diagnosemöglichkeiten und der unterschiedlichen Beachtung, die das Krankheitsbild in dem jeweiligen Land findet.

ADHS – Ein Krankheitsbild in der Kontroverse

Tatsächlich scheiden sich nicht nur in unterschiedlichen Ländern die Geister an ADHS: Während die einen es als dringend behandlungsbedürftige Krankheit sehen, die noch viel zu selten diagnostiziert wird, halten andere ADHS für ein gesellschaftliches Konstrukt oder einen PR-Gag der Pharmaindustrie. Vermutlich steckt in beiden Extremen ein wahrer Kern. Denn es ist nicht leicht, eine klinische Verhaltensstörung von einer anerzogenen zu unterschieden. Natürlich gibt es auch ein gewisses Streuung der Aktivitätsniveaus, die noch durchaus normal ist: Manche Kinder sind nun mal von Natur aus unkonzentrierter und zappeliger als andere – deswegen muss aber lange noch kein ADHS vorliegen. Gleichzeitig ist ADHS eine weitverbreitete Störung, die tatsächlich selten korrekt diagnostiziert wird. Handelt es sich aber um echtes ADHS braucht es natürlich eine ärztliche Behandlung.

Wie wird ADHS diagnostiziert?

Am Anfang jeder Behandlung aber steht die Diagnose – und die ist nicht nur aus den bereits erwähnten Gründen nicht ganz einfach zu stellen. Dazu kommt, dass es viele andere Störungsbilder gibt, die in ihrer Symptomatik starke Ähnlichkeiten mit ADHS aufweisen: Der Asperger Authismus, das Tourette Syndrom, ein gestörtes Sozialverhalten und Teilleistungsstörungen sind nur eine Auswahl davon. Um Fehldiagnosen und damit auch falsche Behandlungsansätze zu vermeiden, erfolgt die Diagnose deshalb als langwieriges Verfahren, in das neben dem betroffenen Kind auch Eltern, Lehrer, Erzieher und andere Instanzen, die mit dem Kind vertraut sind, miteinbezogen werden können. In diesem Rahmen müssen viele Fragebögen ausgefüllt werden, Testreihen absolviert und genaue Untersuchungen angestellt werden, bevor aus einem Verdacht auf ADHS eine Diagnose der Störung werden kann. Häufig verweist der Kinderarzt dafür auch an Spezialisten und Kinderpsychologen, die sich ganz besonders und ausschließlich mit dem Krankheitsbild befassen und für dessen Erkennung und Behandlung ausgebildet sind.

Therapie und Behandlungsmöglichkeiten für ADHS Patienten

Ist die Diagnose gestellt, kann die Behandlung einsetzen. Je nach Intensität des Krankheitsbildes gibt es hier deutliche Unterschiede in der Behandlungsbedürftigkeit:

  • Nur leicht Betroffene brauchen normalerweise noch keine medizinische Behandlung, ihr Krankheitsbild schwächt zwar ihre Impulshemmung und ihre Konzentrationsfähigkeit, aber sie sind noch zu einem normalen Leben fähig. Eine Psychotherapie kann unterstützend wirken.
  • Bei einem mittelschweren Erkrankung muss eine psychosoziale Therapie in Betracht gezogen werden, um den Betroffenen in das soziale Leben zu integrieren. Der Einsatz von Medikamenten kann mit dem Arzt besprochen werden, ist aber nicht immer nötig.
  • Ein schwerer Krankheitsverlauf macht eine Behandlung dringend notwendig, da der Betroffene ein deutlich erhöhtes Risiko hat, in Sucht und Kriminalität abzurutschen. Eine kombinierte Therapie aus Psychotherapie, sozialem Training und Medikamenten kann es einem ADHS-Erkrankten ermöglichen, ein normales Leben zu führen.

Kinder und Jugendliche mit ADHS leiden unter der Ausgrenzung, die sie aufgrund der Symptome ertragen müssen, dennoch schrecken viele Eltern vor einer Behandlung ihres Kindes mit Ritalin und ähnlichen Psychostimulanzien zurück, weil sie ihr Kind nicht „still stellen“ wollen. Tatsächlich ist einer verantwortungsvollen medikamentösen Therapie aber nichts entgegen zu setzen. Allerdings hat sich aus fehlenden gesellschaftlichen Akzeptanz von Psychostimulanzien eine breite Vielfalt an mehr oder weniger wirksamen Alternativ-Therapien entwickelt.

Ein relativ neuer Therapieansatz macht unter anderem künstliche Zusatzstoffe in der Nahrung für das vermehrte Auftreten von ADHS verantwortlich und versuchen deshalb, die Krankheit mit einer speziellen Ernährung zu bekämpfen. Diese Nährstofftherapie ist noch nicht tiefer gehend erforscht worden, kann aber bereits gewisse Erfolge verbuchen – schließlich ist es letztlich auch möglich, den Botenstoffhaushalt des Gehirnes über die Ernährung zu beeinflussen.

Auf jeden Fall – egal ob nur leichte ADHS-Erkrankung oder echter Problemfall – macht es Sinn, nicht nur den Patienten, sondern am besten die ganze Familie mit therapeutischer Behandlung zu unterstützen. Hier kann man zwischen verschiedenen Coachings, systemischer Familientherapie oder Verhaltenstherapie wählen. Für den Patienten selbst kann je nach Typ und Problemlage auch eine Psychoanalyse, Ergotherapie oder soziale Trainingsmaßnahmen gute Resultate erzielen.

Außerdem gibt es jede Menge alternative Therapieansätze, deren Wirksamkeit äußerst fraglich ist, von Hypnose über Schreitherapie bis hin zu Naturheilverfahren.

Psychosoziale Auswirkungen von ADHS

Dabei ist eine Behandlung nicht nur in Bezug auf schulische Leistungen nötig, sondern vor allem, um einem betroffenen Kind die Möglichkeit zu geben, glücklich aufzuwachsen. Denn der psychosoziale Druck, der mit ADHS einhergeht, darf nicht unterschätzt werden: Oft werden ADHS-Kinder in Kindergruppen ausgrenzt, weil sie sich anders benehmen, wenig einfühlsam auf andere eingehen können und mit ihrer oft unkontrollierten Impulsivität auch mal etwas kaputt machen. Auch Lehrer und Erzieher reagieren oft ungehalten auf das originelle Verhalten von betroffenen Kindern. Eltern sind schnell gestresst und können ihrem Kind deshalb in vielen Situationen nicht mehr mit der notwendigen liebevollen Wertschätzung begegnen.

All das und noch viel mehr löst in den kleinen ADHS-Patienten Gefühle von Schuld und Versagen aus, ständige Überforderung quält sie. Denn schließlich darf man nicht vergessen, dass sie nicht absichtlich so sind, wie sie sind: Viele ADHS-kranke Kinder verzweifeln daran, dass es ihnen nicht gelingt, ihre Impulse zu kontrollieren und ein „gutes Kind“ zu sein.

ADHS aus Sicht der Angehörigen

Aber nicht nur die Kinder, sondern auch ihre Angehörigen leiden unter der Erkrankung. Eltern leiden unter dem Gefühl, ihr Kind nicht richtig erzogen zu haben, in der Erziehung versagt zu haben. Dazu kommt häufig der Stress, dass sie den Eindruck haben mit ihrem Kind nirgends hin gehen zu können, weil es sich sonst daneben benehmen könnte. Nicht selten zerbrechen Ehen an einem ADHS-kranken Kind, weil die Eltern sich gegenseitig die Schuld für das scheinbare Fehlverhalten des Kindes zuschieben oder einfach die Gesamtbelastung zu groß wird, um die Partnerschaft dabei am Leben zu erhalten. Und auch Geschwister leiden mit: Häufig macht das unter ADHS leidende Geschwisterkind ihre Spielsachen kaputt, zeigt sich ungeduldig, leider oft auch aggressiv und destruktiv. Selbsthilfegruppen oder auch spezielle Therapien können Familien helfen, den Belastungen von ADHS standzuhalten und daran zu wachsen, statt daran zu zerbrechen.

In der Schule und in Gruppenaktivitäten sind Kinder mit ADHS oft der störende Gruppen-Kasper und bringen damit Erzieher, Lehrer und Trainer an den Rand der Weißglut. Spezielle Coachings und Schulungen können helfen, das Verhältnis zu entspannen und eine weitgehend normale Einbindung in die Gruppe zu ermöglichen.

Folgeerkrankungen und Spätfolgen von ADHS

Ohne die Erkrankung in allzu schwarzen Farben auszumalen muss doch ein Wort über Folgeerkrankungen und den Spätfolgen von ADHS verloren werden. Neben zahllosen Verletzungen durch das unkontrollierte Impulsverhalten, kann es durch die starke psychosoziale Belastung auch zu einer Vielzahl psychischer Störungen kommen: Depressionen, Sucht, Essstörungen können Folge eines unbehandelten ADHS sein. Dazu kommt, dass schon durch die Sucht, aber auch durch die verzweifelte Suche nach Anerkennung ehemalige ADHS-Patienten häufiger eine kriminelle Karriere einschlagen, als solche, die kein ADHS hatten.

Und auch weniger stark ausgeprägtes ADHS kann Folgen haben: Durch die verminderte Leistungsfähigkeit während der Schulzeit, erreichen ADHS-Patienten ohne Behandlung nur sehr selten einen höheren Bildungsgrad. Dabei ist es durchaus möglich, dass sie eine normale, vielleicht sogar hohe Intelligenz haben – durch die fehlende Konzentrationsfähigkeit in der Schulzeit landen sie aber dennoch meistens in sehr einfachen Berufen und sind dort dann in Bezug auf ihre eigentlichen Begabungen und Fähigkeiten unterfordert – Jobfrust im Erwachsenenleben ist dadurch vorprogrammiert.

Die gute Nachricht zum Schluss

Die gute Nachricht ist, dass ADHS oft nur ein vorübergehendes Krankheitsbild ist: In den meisten Fällen lassen die Symptome mit dem älter werden, spätestens mit Eintritt in das Erwachsenenalter nach. Einige Patienten haben die Symptome zwar ein Leben lang – allerdings kommt auch für sie irgendwann der Punkt, an dem sie selbst über ihre Behandlung entscheiden können. Denn schließlich gibt es eine Vielzahl erprobter und wirksamer Therapieansätze, um Menschen mit ADHS ein ganz normales Leben ohne den Zappel-Phillip zu ermöglichen.

Beste Grüße
Sabine Hertz
Hot-Fit Redaktion

Bild © by istockphoto.com / stacey_newman

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