Epilepsie – das gefährliche Zucken im Alltag

Krampfanfall der HandFallsucht, Besessenheit, Morbus Sacer (= Heilige Krankheit), Hirnrhythmus-Störung – die Epilepsie hatte und hat immer noch viele unterschiedliche Namen und mindestens genauso viele Gesichter. Sie ist eines der ältesten beschriebenen Krankheitsbilder: Schon römische Legionäre mussten sich auf ihre Krampfbereitschaft hin testen lassen, um ihre Tauglichkeit für die Legion festzustellen, indem sie durch ein drehendes Rad in die Sonne schauten. Früher wurden Menschen, die unter einer Epilepsie litten, als von Gott berührte verehrt oder als von Dämonen besessene gefürchtet. Lange Zeit war das Krankheitsbild, bei dem der ganze Körper des Betroffenen von unwillkürlichen Zuckungen durchlaufen wird, mysteriös und gefürchtet. Mittlerweile konnte die moderne Hirnforschung aber viele Fakten zu der Epilepsie klären und viele Rätsel auflösen.

Was ist Epilepsie?

Epilepsie ist eine krankhafte Reaktion des Gehirnes, bei der es unter anderem sehr plötzlich zu starken, unkontrollierbaren Zuckungen und Bewusstseinsverlust kommen kann. Es gibt allerdings viele unterschiedliche Formen der Epilepsie, die sich auf verschiedene Art und Weise zeigen können. Während des Anfalls entladen sich die Nervenzellen des Gehirnes gleichzeitig und plötzlich. Der Beginn erfolgt spontan, ebenso das Ende. Die Symptome haben ihre Ursache im komplexen Botenstoffhaushalt des Gehirnes: Erregende und hemmende Botenstoffe befinden sich im Ungleichgewicht und es kommt zu einer massiven Störung des Zellstoffwechsels.

Grundsätzlich kann jedes Gehirn einen Krampfanfall erleiden, jeder 20. Mensch auf dieser Welt hat mindestens einmal in seinem Leben einen Krampfanfall. Allerdings ist bei manchen Menschen die Krampfbereitschaft erhöht, etwa 10% der Bevölkerung sind davon betroffen. Epilepsien treten normalerweise im frühen Erwachsenenalter erstmals in Erscheinung, es gibt allerdings auch Erscheinungsformen, die fast ausschließlich im Kindheitsalter auftreten, der Fieberkrampf ist ein typisches Beispiel dafür.

Ursachen und Auslöser von Epilepsien

Eine Epilepsie kann verschiedene Ursachen haben: Man unterteilt hier in genuine* und symptomatische* Epilepsien.

* Genuine Epilepsien sind genetisch bedingt, durch eine Veränderung der Zellmembran kommt es zu einer Übererregbarkeit der Hirnzellen.

* Symptomatische Epilepsien sind durch äußere Reize bedingt, sie haben ihren Ursprung in:

  • Prä- und Perinatalen Einflüssen (Alkohol- und Drogenmissbrauch, Infektionen u.ä. während der Schwangerschaft, Hirnblutung, Geburtstrauma, …)
  • Stoffwechsel- oder Vergiftungsstörungen (Elektrolyt-Störungen, Vitaminmangel, Vergiftungen, Schwermetall-Belastungen, …)
  • Schädel-Hirn-Traumata (zum Beispiel nach einem Unfall)
  • Medikamenten und Drogen
  • Neuro-Kutanen-Syndromen (zum Beispiel Sturge-Weber Syndrom oder tuberöse Hirnsklerose)

Von den Ursachen zu unterscheiden sind die Auslöser: Hier kann beispielsweise Flackerlicht, Fieber, Schlafentzug oder exzessive körperliche Anstrengung genannt werden. Liegt nun aufgrund genuiner oder symptomatischer Ursachen eine erhöhte Krampfbereitschaft vor, können diese Faktoren einen Krampfanfall auslösen.

Allgemeiner Anfallsverlauf der Epilepsi

Auch wenn Epilepsie in vielen unterschiedlichen Formen vorliegt, verläuft ein Anfall doch normalerweise nach einem bestimmten Muster ab. Oft kündigt sich der Anfall mit einer Aura an, die der bei einer Migräne ähnlich ist: Neurologische Ausfallerscheinungen, Wahrnehmungsstörungen oder Konzentrationsschwächen können Teil so einer Aura sein. Anschließend folgt der Status epilepticus, der eigentliche Anfall, bei dem es häufig auch zu Bewusstseinsverlust kommt. Er dauert normalerweise nur wenige Minuten und endet so plötzlich, wie er begonnen hat. Danach fällt der Betroffene in den Terminalschlaf, ein tiefgreifender Erschöpfungszustand, in dem der Betroffene sich von dem Anfall erholt, indem er beinahe unweckbar in tiefen, komatösen Schlaf fällt.

Verschiedene Formen von Epilepsie

Innerhalb dieses allgemeinen Verlaufes eines epileptischen Anfalls liegen während dem Status epilepticus verschiedene Anfallsformen vor. Sie werden grob unterteilt in fokale, generalisierte und nicht klassifizierbare epileptische Anfälle.

*Fokale Anfälle: Diese Form, auch Herdanfall genannt, betrifft nur einen Teil des Gehirnes. Zwar können sie sekundär generalisieren, das ist aber die Ausnahme. In vielen Fällen bleibt bei einem fokalen Anfall sogar das Bewusstsein erhalten.

*Generalisierte Anfälle: Bei dieser Form beschränkt sich der Anfall nicht auf ein begrenztes Hirnareal, sondern umfasst alles gleichzeitig. Zu den generalisierten Anfällen gehören:

  • Absencen / Petit-Mal-Anfälle: Bewusstseinsverlust ohne Zuckungen
  • Myoklonische Anfälle: Zuckungen einzelner Muskelgruppen
  • Tonische Anfälle: Plötzliche Versteifung der Muskulatur
  • Klonische Anfälle: Plötzliches Verkrampfen
  • Tonisch-klonische Anfälle / Grand-Mal-Anfälle: typische, große Anfallsform mit Bewusstseinsverlust, Wechsel von Muskelkrampf und Muskelversteifung, Sturz und regelmäßigen Zuckungen am ganzen Körper
  • Atonische Anfälle: Plötzlicher Tonusverlust, als Folge sinkt zum Beispiel der Kopf plötzlich in einer nickenden Bewegung ab oder die Beine knicken weg

*Nicht klassifizierbare epileptische Anfälle: Hier fehlen notwendige Daten, um die Anfälle richtig zuzuordnen

Neben den genannten Anfallsformen gibt es noch eine Vielzahl an Sonderformen und Untergliederungen, die den Rahmen dieses Berichtes sprengen würden, würde man versuchen sie hier vollständig aufzuzählen.

Komplikationen und Auswirkungen eines epileptischen Leidens

Da es bei epileptischen Anfällen normalerweise zu heftigen Muskelzuckungen kommt, haben Epileptiker nach dem Anfall häufig starke Muskelschmerzen, auch Muskelkater ist nicht selten. Dazu kommen Prellungen und Verletzungen von dem Sturz oder vom Anschlagen durch die Zuckungen. Außerdem kann es schon einmal passieren, dass ein Mensch sich während seines Anfalls in die Zunge beißt oder diese vielleicht sogar abbeißt.

Menschen mit erhöhter Krampfbereitschaften müssen dabei ständig mit der Angst leben, einen erneuten Krampfanfall zu erleiden. Diese Tatsache zieht merkliche Einschränkungen für den Alltag mit sich: So muss man nach einem epileptischen Anfall beispielsweise eine mindestens einjährige Anfall-Freiheit nachweisen um als verkehrstüchtig zu gelten und damit Autofahren zu dürfen, Disko- oder Club-Besuche sind wegen des krampfauslösenden Flackerlichts undenkbar. Auch das Berufsleben wird von einem ständig drohenden Anfall überschattet und im sozialen Leben und bei der Partnerwahl muss man befürchten, dass andere durch die Erkrankung abgeschreckt werden.

Was tun beim Krampfanfall?

Tatsächlich ist es für Außenstehende nicht ganz einfach, auf einen Krampfanfall richtig zu reagieren. Das liegt zum einen an dem Schreck, der einen durchfährt, wenn der Anfall plötzlich in Erscheinung tritt zum anderen an unseren Instinkten, die dafür sorgen, dass man jemanden, der zuckend am Boden liegt, gerne festhalten würde, um ihn vor Verletzungen zu bewahren. Da Menschen im epileptischen Anfall aber ungeahnte Kräfte entwickeln, gerät man damit in Gefahr, selbst von herum zuckenden Gliedmaßen getroffen und verletzt zu werden. Außerdem wird der Patient so beim Erwachen noch deutlich schlimmere Muskelschmerzen haben, als ohnehin schon.

Helfen kann man aber trotzdem: Am besten, indem man Gegenstände entfernt, an denen sich der an einem Anfall Leidende stoßen könnte. Außerdem kann man gefährliche Ecken schnell notdürftig abpolstern und Höhenunterschiede, von denen der Krampfende herunterfallen könnte unzugänglich zu machen. Dann hilft nur noch abwarten und beobachten. Normalerweise dauert ein Krampfanfall nicht länger als ein paar Minuten – dennoch ist auch ein kurzer epileptischer Anfall immer ein Notfall und damit auch ein Grund, einen Notarzt zu kontaktieren! Dieser kann auch Notfall-Medikamente verabreichen, wenn der Krampfanfall doch einmal länger dauert. Oft ist es für den behandelnden Arzt außerdem hilfreich, wenn Dauer und Verlauf des Anfalls dokumentiert werden konnten.

Epilepsie diagnostizieren und behandeln

Apropos Arzt: Ein epileptischer Anfall macht IMMER die Untersuchung und Kontrolle durch einen Arzt notwendig! Auch wenn es das erste Mal ist und man eventuell nie wieder einen zweiten Anfall haben wird, ist doch eine gründliche Untersuchung unabdingbar – schließlich kann ein Krampfanfall auch einen Tumor oder eine andere schwerwiegende Erkrankung als Ursache haben!

Bei der Behandlung selbst muss also nach Situation und Ursache unterschieden werden. Im akuten Krampfanfall gibt normalerweise der Notarzt Notfall-Medikamente, Menschen die regelmäßig epileptische Anfälle erleiden, tragen oft auch ein Notfall-Medikament mit sich, das von einem Begleiter in die Backentasche eingetropft werden muss. Diese Notfall-Medikamente wirken sich hemmend auf die Krampfbereitschaft aus, bringen aber keine langfristige Wirkung.

Um eine langfristige Behandlung durchführen zu können, muss zunächst die Ursache abgeklärt werden, denn wie bereits erwähnt, stecken oft andere Krankheitsbilder hinter der erhöhten Krampfbereitschaft, die es zu behandeln gilt, wenn weitere Anfälle verhindert werden sollen. Entsprechend ausführlich muss die Anamnese durchgeführt werden. Neben der Befragung, muss natürlich auch eine allgemein-körperliche Untersuchung durchgeführt werden, Laborwerte und eine Untersuchung des Hirnwassers, das via Liquorpunktion entnommen wird, bieten weitere Anhaltspunkte. Auch EEG, CCT und Schädel MRT werden eingesetzt, um eine genaue Diagnose stellen zu können – hier wird unter Umständen auch gezielt ein Anfall provoziert, um die notwendigen Messwerte bekommen zu können.

Ist die Diagnose differenziert erstellt worden, kann die Therapie beginnen. Medikamentöse Therapien erzielen hier gute Behandlungserfolge, aber auch (Neuro-)Chirurgische Eingriffe haben sich als wirkungsvoll erwiesen. Vereinzelt können auch gezielte Diäten gute Ergebnisse verbuchen, bei einer schwere Form von Epilepsie ist von solchen alternativen Therapieansätzen allerdings der eigenen Gesundheit wegen besser abzusehen.

Das Leben mit der Epilepsie

Sieht man von den bereits genannten Einschränkungen ab, kann ein Epileptiker mit der entsprechenden Medikamentation und guter ärztlichen Betreuung aber ein weitgehend normales Leben führen. Letztlich bestehen gute Chancen auf langfristige Anfallsfreiheit. Besonders die kindlichen Formen von Krampfanfällen verschwinden im Normalfall rückstandslos wieder, aber auch wenn die Krampfanfälle erst zu einem späteren Zeitpunkt im Leben auftreten, bestehen gute Chancen, dass sich der Hirnstoffwechsel wieder normalisiert.

Bei den Menschen, die an einer schweren Form von Epilepsie leiden und häufig und regelmäßig Krampfanfälle erleiden ist allerdings kein vollständiges Verschwinden der Krampfneigung zu erwarten. Aber auch hier stellt sich irgendwann ein Gefühl der Normalität ein: Häufig bemerken Epileptiker das nahen eines Krampfanfalls schon im Vorfeld und können sich eine ruhige, geschützte Position suchen, um ihn abzuwarten. So können auch Notfall-Medikament rechtzeitig verabreichert werden. Mittlerweile wird zur Früherkennung von epileptischen Anfällen auch mit speziell ausgebildeten Epilepsiehunden und Hirnimplantaten gearbeitet, diese Ansätze sind allerdings noch nicht vollständig ausgereift.

Trotz dieser eigentlich recht positiven Prognosen darf nicht verschwiegen werden, dass mit einer epileptischen Erkrankung ein deutlich erhöhtes Sterblichkeitsrisiko einhergeht. Das liegt allerdings nur in Ausnahmefällen an dem Krampfanfall selbst und dem damit verbundenen Sauerstoffmangel, sondern viel häufiger an den Begleitumständen des Anfalls: Epileptische Anfälle im Straßenverkehr, beim Schwimmen, auf Treppenansätzen und beim Sport haben oft schwere Verletzungen oder eben auch den Tod zur Folge.

Beste Grüße
Sabine Hertz
Hot-Fit Redaktion

Bild © by istockphoto.com / zilli

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